Wolfgang Frühwald

Wolfgang Frühwald
Doppelleben. Hans Carossas Dasein unter den Deutschen

Das „Buch des Dankes für Hans Carossa“, das dem Dichter zum 50. Geburtstag am 15. Dezember 1928 überreicht wurde, beschreibt im Blick der Freunde sehr genau, was die Zeitgenossen an ihm faszinierte. Es beschreibt ebenso genau, wie sehr sich der literarische Geschmack seither verändert hat, welchen nahezu revolutionären Veränderungen wir ausgesetzt sind. Kaum einer der Namen in diesem Buch ist uns heute so im Gedächtnis, dass wir ohne besondere Anstrengung Texte und Bücher aus der Erinnerung zitieren könnten. In diesem Buch hat Paul Alverdes zum Beispiel seine in der Generation meiner Eltern viel gelesene und ergreifende Lazarett-Erzählung „Die Pfeiferstube“ erstmals gedruckt. Ernst Penzoldt zeichnete in ironischer Widerspiegelung von Carossas gelegentlich allzu ernsthafter Vaterverehrung ein ironisches Bild seines Vaters, der, als er auf die Universität ging, „sechzehn Jahre alt [war] und zwei Meter groß“. Er war Arzt wie Carossas Vater und wie dieser selbst und hielt die humanistische Erziehung „immer für die beste für den künftigen Arzt“. Regina Ullmann, heute vergessen, doch schon von Hermann Hesse um ihren „Mangel an Glück“ beneidet, grüßte mit einem Brief des 1926 gestorbenen Rainer Maria Rilke über Carossas Gedichte, Stefan Zweig beschrieb eher den Arzt als den Schriftsteller Carossa und Hugo von Hofmannsthal (der im Jahr darauf, 1929, starb) rühmte „in einer Welt, in der das Wort schön von sehr unsicherem Gebrauch geworden ist, mit Ernst [Carossas Bücher als] wahrhaft schöne Bücher“. Diesem Begriff der Schönheit haftet mehr an als das Nur-Ästhetische, er meint die mit Sittlichkeit verschwisterte Sinnlichkeit dieser Texte ebenso, wie ihre stille, dem Tagesgeschehen enthobene menschliche Botschaft.

Deutlicher als mit all diesen Dichter- und Künstlergrüßen wurde Carossa hier durch einen jüngeren und einen älteren Freund porträtiert. Beide haben schon 1928 formuliert, was für Carossas Gesamtwerk gültig geblieben ist, auch und gerade in den späten Texten nach 1945. Der jüngere von beiden ist Wilhelm Emanuel Süskind, meiner Generation noch bekannt als Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ (seit 1949) und Mitverfasser jener Phrasensammlung aus der Planungs- und Vernichtungssprache des Nationalsozialismus, die überschrieben ist „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ (1957). Heute wird W.E. Süskind in lexikalischen Informationen meist mit dem Zusatz versehen: „Vater von Patrick Süskind“. Der Welterfolg von dessen Roman „Das Parfum“ (1985), mit 15 Millionen verkauften Exemplaren, Übersetzungen in 46 Sprachen, dem immer gleichen Titelbild von Antoine Watteau und der jetzt mit großem Propagandaaufwand angelaufenen Verfilmung, stellt den Ruhm des Vaters in den Schatten. Der ältere der beiden Freunde Carossas ist Wilhelm Hausenstein, 1882 in einem kleinen Schwarzwald-Ort geboren, 1928 demnach 46 Jahre alt, der als Kunstwissenschaftler und Essayist zu hohem Ansehen gelangte. Von den Nazis erhielt er 1936 ein Publikationsverbot, 1943 wurde ihm auch die journalistische Tätigkeit verboten.

Damals (1928) war Wilhelm Emanuel Süskind ein junger Schriftsteller von 27 Jahren. Er war eng befreundet mit Erika und Klaus Mann, den ältesten Kindern von Thomas und Katia Mann, und debütierte 1929 mit dem Roman „Jugend“. Süskind nahm darin Stellung zu jenem inflations-typischen Generationenkonflikt, der die Gesellschaft der zwanziger Jahre erschütterte. Thomas Mann hat seinen Beitrag zu dieser Debatte (zu seinem 50. Geburtstag, 1925) in der Erzählung „Unordnung und frühes Leid“ geschrieben, noch ehe die Nationalsozialisten die Aufbruchstimmung der Jugend dämonisch zu missbrauchen verstanden. Süskind war 17 Jahre alt beim Ende des Ersten Weltkriegs, er war 21 Jahre alt, als die Inflation die kleinen Vermögen vernichtete und das Kleinbürgertum radikalisierte, er war 32 Jahre alt, als die Mehrzahl seiner Freunde vor dem nationalsozialistischen Terror fluchtartig das Land verlassen oder (soweit sie keine Juden waren) in die innere Emigration gehen mussten. 1928 hat er offenkundig bei Hans Carossa gefunden, was er bei den älteren Autoren, auch und gerade bei Thomas Mann, vergeblich gesucht hatte: Führung und Geleit, Vorbild und Freundschaft. An Carossa zog ihn das ärztliche Ethos an, das Ethos des Heilens und des Helfens auch im Schreiben; für ihn war dies ein Autor, der in der Hektik der „roaring twenties“ sich nicht der politischen Literatur und dem Medienrummel verschrieb, sondern geduldig und beharrlich den innersten Kern der Person suchte, um ihn stark zu machen gegen die Anfechtungen des Tages. „In solcher Weise, glaube ich [schrieb W.E.Süskind], lebt Carossa noch für den ihm Unähnlichsten unter uns: als Beispiel, dass es auch anders geht, als Beweis dafür: es ist möglich, jenseits des Tages zu schreiben, mit einer Wahrheit vieler Jahre, unbesorgt, ob ein Roman entstehe oder ein Werk der Betrachtung; es ist noch einer da, der es sich leisten kann, das Eigentliche zu tun.“ Vielleicht war dies Carossas Vorzug und sein Verhängnis zugleich, dass er den von ihm beschriebenen inneren Reichtum in einer humanen Kultur geborgen glaubte, deren wirtschaftliche und moralische Fundamente von der unbeachteten Tagesaktualität Stück für Stück demontiert wurden, bis sie als eine leichte Beute den Staatsverbrechern in die Hände fiel.

Wilhelm Hausenstein, vier Jahre jünger als Carossa, teilte mit diesem die Liebe zur humanistischen Bildung sowie zu den Landschaften und Kulturen der Romania, an denen sich diese über die alten Sprachen weit hinausgehende Bildung erst zu konturieren vermochte. Hausenstein wurde ganz konsequent – entgegen den damaligen diplomatischen Gepflogenheiten – als ein europaweit angesehener Vertreter eines „anderen“ Deutschland 1950 als Geschäftsträger der jungen Bundesrepublik Deutschland nach Paris berufen und wirkte dort als Botschafter bis 1955. Den biographischen Artikel über ihn im „Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur“ (von 1964) hat W.E.Süskind verfasst. Ähnlich wie Süskind hat Hausenstein Hans Carossa als einen Menschen beschrieben, der selbst inmitten der Rohheit, dem Lärm und dem Stumpfsinn des Krieges sich die Festigkeit der Person bewahrte. Den vier gleichförmigen Jahren des Grauens (im Krieg) habe Carossa „heroische Passivität“ entgegengesetzt, „die ihre eigene Würde nicht reklamiert“. So sei es ihm gelungen, selbst dem modischen Genre des Kriegsbuches, das damals pazifistisch oder revanchistisch verfasst war, vom Kampf oder vom Leiden erzählte, einen subjektiven Glanz des Ertragens zu geben, durch den es möglich war, das Lächeln nicht zu verlieren. Hausenstein sprach davon, dass Carossa „die männlich-zarte Inwendigkeit der Person“ zu bewahren wusste, also jenes „Eigentliche“, das Süskind gesucht und bei Carossa gefunden hat. An die „süddeutsche Determination“ in deutscher Literatur hat Hausenstein geglaubt und damit dem Mythos eines nördlichen Südens vorgearbeitet, dem viele in München und in Bayern lebende Schriftsteller, Essayisten und bildende Künstler seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Stimme und Farbe gegeben haben. „Rilke“, meinte Hausenstein, „habe im Reich dieser Schönheit sein inniges und großgeformtes Wort gesagt; George steht still darin. Carossa ist ein reiner Name dieses Reiches“; man müsse daran denken, „dass Hofmannsthal, der es weiß wie nur irgend jemand, das Wesen Carossas einmal in der Vereinigung des Deutschen und Lateinischen gefunden hat“.

Hausenstein versuchte, die Latinität und damit zugleich die Humanität von Carossas Erzählen an der Episode zu belegen, die in den (soeben, 1928, erschienenen) „Verwandlungen einer Jugend“ im Kapitel „Gedicht und Leben“ erzählt wird. Es ist die immer gleiche, hier dezent und zart berichtete Geschichte erwachender Sexualität, konzentriert in der Begegnung eines jungen Mannes mit der Dienstmagd Line. „Auch scheint mir, das Liebeserlebnis mit der Dienstmagd in diesem Buch [schrieb Hausenstein] sei eine katholische Geschichte; das Mädchen müsse Afra heißen, und was da geschehe, was da unterbleibe, gehöre dem Stil der Heiligenlegenden an. So scheint es mir, obgleich ich sehe, dass die für den Schlaf entblößte Brust ein Marmor aus der Antike ist, eine klassische Nacktheit; aber es ist eine griechische Blöße in gotischer Situation – und wo wäre die Katholizität eines südlichen Menschen, eines Menschen aus veronesischer Abkunft, aus der fernen Heimat des Romeo und der Giulietta gänzlich vom Zusammenhang mit dem Unbefangen-Heidnischen der Griechen und Römer abgelöst? Neben dem segnenden Kleriker steht mit der brennenden Fackel Cupido.“ Der autobiographisch schreibende Erzähler der „Verwandlungen einer Jugend“ hat die Geschichte mit der Dienstmagd in die antike Legende von Phryne eingekleidet, für Schüler in der letzten Gymnasialklasse eine durchaus naheliegende literarisch-humanistische Sublimierung lebendiger Erfahrung. Phryne wurde bekanntlich in Athen wegen Gotteslästerung angeklagt, weil sie es gewagt hatte, ihre körperliche Schönheit mit der der Göttin Aphrodite zu vergleichen. Sie wurde vom Areopag freigesprochen, als sie vor den Richtern ihre Kleider ablegte und sich ihnen nackt zeigte. „[...] wir wollten uns gerade trennen [ist bei Carossa zu lesen], als Line meines Professors Dienstmädchen, stumm grüßend vorüberging. – ‚Die hätte der Gerichtshof in Athen auch nicht schuldig gesprochen’, bemerkte Hugo nebenhin.“ Die Geschichte wird so dezent zu Ende erzählt, wie sie mit diesem Satz beginnt, schwebend zwischen Frömmigkeit und Begehrlichkeit. Der junge Mann erblickte des Nachts Line schlafend in ihrem Zimmer: „Wenig Einzelheiten unterschieden sich im Mondschein; was ich aber deutlich erkannte, war Lines nackter Arm, der so schlaff aus dem Bette herabhing, dass die Hand halb am Boden auflag.“ Er holte eine Kerze „und hielt sie hoch über das Mädchen, das mit entblößter Brust, den Kopf etwas zurückgebogen, dicht am Bettrande lag“. Die halb erwachende Line wird von dem Jungen beruhigt: „Nichts. Nichts. Schlaf in Frieden. [...] Du hast keine Sünde. Gute Nacht! ‚Ach so’, sagte Line, ließ sich lächelnd zurücksinken und schlief, leise schnarchend, gleich wieder ein.“ Carossa verfügt humorvoll und souverän über die Topoi der Pubertätsliteratur, die den zur Sexualität erwachenden jungen Mann in jeder Dienstmagd eine Venus erblicken lassen. Hier ereignet sich nichts als dieser eine Blick, der sich in ein Gedächtnisbild verwandelt, wie es so oft von den Malern des Barock und des Rokoko dargestellt worden ist. Alles, was über den Blick hinausgegangen wäre, hätte die Stimmung und die heidnisch-christliche Situation zerstört.

Hausenstein hat in dieser ersten Interpretation der Phryne-Episode auf seine Vorstellung des nördlichen Südens zurückgegriffen und Landshut, ihren Schauplatz, mit den Augen eines (bei Carossa gefundenen) Bildungsreisenden betrachtet. „Das Gymnasium zu Landshut ist das Gymnasium einer Stadt, in der Henri Beyle-Stendhal, wie im Tagebuch eines Egoisten zu lesen ist, mit Staunen binnen etlicher Minuten an Frauen ebenso viele römische Profile und Staturen wahrzunehmen meinte. Die Häuser der Stadt mögen gotisch oder barock sein; sie haben die breite Hingezogenheit und Statik des Antikischen [...].“ Doch der Erzähler in den „Verwandlungen einer Jugend“ ist bodenständiger als sein schwärmerisch die Antike auf Landshut transponierender Interpret. Er konfrontiert das an Line konturierte Gedächtnisbild der Phryne mit der Wirklichkeit einer niederbayrischen Kleinstadt am Ende des 19. Jahrhunderts. Deren Realität aber erinnert eher an Ludwig Thoma als an Stendhal: „Landshut freilich, wie ich es kannte, war keineswegs Athen; hier galten strengere Sitten als zu Florenz unter Savonarolas höchster Macht. In Bild und Leben war Nacktheit verpönt; Nonnen ähnlich, bis zu Kinn und Ohren verhüllt, wandelten Frauen und Mädchen durch die heiteren Straßen; ja gerade damals bebte die ganze Stadt vor Entrüstung über ein junges Mädchen, eine Berlinerin, die sich schamlos, die Arme bis zu den Ellenbogen hinauf entblößt, in die Dominikanerkirche gewagt hatte, wo sie denn, wie sich’s gebührte, vom Küster hinausgewiesen worden war.“ Ob die Zeitgenossen wussten, dass sechs Jahre vor Erscheinen der „Verwandlungen einer Jugend“ (also 1922) der Strafverteidiger Erich Frey mit der Phryne-Methode einen Freispruch für seine als Nackttänzerin arbeitende Mandantin erreicht hatte, die wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verklagt worden war, sei dahingestellt. Ganz ausgeschlossen ist es nicht. So bleibt von dieser Szene die Verschmelzung von Südlichem und Nördlichem, von Antikem und Christlichem, ob das Mädchen nun Line oder Afra heißt.

Dem Gedicht aber, das der Erzähler noch in der gleichen Nacht ins Reine schrieb, mochte „die bewegte Nacht zugute gekommen sein“. Im Städtchen entstand nach dem anonymen Druck einige Bewegung, man wollte doch wissen, wer da für den gestorbenen Geistlichen Rat Dr. Anton Walter „eine so leidenschaftliche Totenklage angestimmt habe“. In Carossas Gedichten sind die Verse „Nachruf“ überschrieben, nach Eva Kampmanns Kommentar erschienen sie im „Kurier für Niederbayern“ am 6. Oktober 1896. Wir haben es also bei der Erzählung von der so phantasievoll und humanistisch gebildet in Phryne verwandelten Line mit einem jungen Mann von noch nicht ganz 18 Jahren zu tun.

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Hans Carossa gehörte zu einer Gruppe von Poeten, Essayisten, Erzählern und Kunstschriftstellern, die neoklassizistisch genannt werden können, weil sie Antikes mit Modernem verbinden, die Sinnlichkeit und die Sittlichkeit des europäischen Südens mit der Rationalität des Nordens zu versöhnen und im Norden die Humanität des Südens so einzuwurzeln suchten, dass Krieg und Völkerhass dadurch ausgeschlossen würden. Goethe war der Vermittler dieser Auffassung von Humanität, eines zwischen Engel und Teufel angesiedelten menschlichen Maßes, auch wenn das offene Bekenntnis zu Christentum und Katholizität bei manchem Neoklassizisten eine deutliche Grenze zu Goethes Naturglauben setzte. Stefan George und sein Kreis gehörten zu dieser Gruppe, Rilke und Hofmannsthal, Eckart Peterich und Rudolf Pannwitz, Theodor Däubler und Alfred Mombert, Ernst Bertram, Wilhelm Hausenstein, Ludwig Curtius und viele andere, (unter den Heutigen am ehesten Albert von Schirnding). Sie alle verbindet die Liebe zur Romania, zu Ländern, in denen sich Kunst und Natur noch nahe sind, in denen Poesie unter einem im Norden nie gesehenen Himmel in Natur verwandelt scheint, in denen das Schöne nicht erfunden, sondern gefunden werden kann. Vielleicht ist kein Vers charakteristischer für dieses moderne Erlebnis des romanischen Südens als die Verse, die Goethes Odysseus im „Nausikaa“-Fragment spricht, als er sich aus dem Schiffbruch an das Ufer der Phäaken gerettet hat:

„Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer
Und duftend schwebt der Äther ohne Wolken.“

Keiner der Dichter des deutschen Neoklassizismus gab sich nur der Erinnerung hin, sie alle waren Gegenwärtige und kannten die politischen und die sozialen Probleme der Länder, in denen sie reisten, lebten und dichteten. Doch das feste Vertrauen auf die in solcher Natur zu findende und zu kultivierende Humanität, zu der eine warme, lebendige Schönheit unverbrüchlich gehörte, wurzelte bei ihnen in der gebildeten und existentiell erfahrenen Kenntnis der Antike, ihrer Sprachen, ihrer Kunst und ihrer Menschen. Wie bei Goethe lebte in ihnen die Hoffnung, dereinst auch im heimatlichen Norden aus der Seele „Schattenbilder dieser glücklichen Wohnung“ hervorzubringen. Das ist „die bedeutende, Transalpines einschließende Schönheit der süddeutschen Determination“, von der Wilhelm Hausenstein mit Bezug auf Hans Carossa gesprochen hat.

Der Mythos von der südlichen, gleichsam naturgegebenen Humanität ist keineswegs geschwunden. Carossa selbst beförderte ihn durch den Bericht über den faschistischen Zensor, der unter einen geöffneten Brief Benedetto Croce’s an den Münchner Romanisten Karl Vossler einen Papierstreifen mit den Worten klebte: „Il censore s’incline con reverenza per Croce e Vossler.“ Der Mythos reicht dann zumindest bis in die sozialphilosophische Literatur der Moderne und hat durchaus geschichtsprägende Kraft. Hannah Arendt hat in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (1964) wenige europäische Länder vom Vorwurf des mangelnden Widerstandes gegen den aus Deutschland angeleiteten und von der nationalsozialistischen Führung befohlenen Genozid an den in ihren Grenzen lebenden Juden ausgenommen, neben (dem Sonderfall) Bulgarien, nur Dänemark und Italien: „Was in Dänemark das Ergebnis eines echten Sinnes für Politik war, eines anerzogenen Verständnisses für die Voraussetzungen und die Verpflichtungen, die Bürgertum und Unabhängigkeit garantieren, das war in Italien Ausfluss einer fast automatisch gewordenen, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten und zivilisierten Volkes.“ Wie gesagt, dies ist ein Mythos, aber einer, der das Klima unserer Zivilisation um wenige Grade wärmer erscheinen lässt.

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Thomas Mann hat von früher Zeit an vorsichtigen Abstand zu der genannten Gruppe von Autoren gehalten. An George störte ihn der ordensartige Aristokratismus des Männerbundes, im „Tod in Venedig“ (1911) hat er die Gefahren einer solchen Lebensform ironisch (auch sich selbst gegenüber) gekennzeichnet. Hofmannsthal beneidete er um dessen Vermögen zu dramatischer Gestaltung, das Goethebild dieses Kreises schließlich war ihm zu distanziert und von uneingelöster Verehrung gekennzeichnet, als dass er die eigene Aneignung von Goethes Habitus und Stilgebärde dafür hätte opfern mögen. Hans Carossa hat er 1920, als dieser als Autor noch kaum bekannt war, als Arzt wegen der Krankheit seiner Frau konsultiert und hat sich ihm als Autor erst 1949 genähert, in jenem Goethejahr, in dem er Bundesgenossen gegen die Ablehnung suchte, die ihm aus Deutschland entgegenschlug und seine Rückkehr nach Europa blockierte. Aus diesem Jahr sind mehrere Briefe überliefert, wobei Carossa am 30. Juni den Druck seines „Lebensberichtes“ („vielleicht im nächsten Frühjahr“) ankündigte, von dem er hoffte, dass Thomas Mann ihn lesen werde. 1951 hat er das Buch „Ungleiche Welten“ dann (wohl mit handschriftlicher Widmung) an Thomas und Katia Mann gesandt. Die Lektüre dieses Textes hat Thomas Mann erbost, denn außer einer Floskel, wie er sie für viele solche Zusendungen parat hatte (ein „Buch, dessen noble Menschlichkeit in seiner Sprache reinsten Ausdruck findet“), geht es nur um Korrekturen, um die des eigenen Verhältnisses zu Carossa und (vor allem) um die von dessen fehlerhafter Detaildarstellung des frühen Exils von Thomas und Katia Mann. Carossa hatte in seinem „Lebensbericht“ geschrieben, Thomas Mann habe 1934 „seinen Stolz [überwunden] und bei dem [1946 in Nürnberg hingerichteten] Reichsinnenminister Frick [angefragt], unter welchen Bedingungen eine Rückkehr für ihn möglich wäre“, aber keine Antwort erhalten. Das Gerücht von Thomas Manns Brief an Wilhelm Frick hatte Manfred Hausmann im „Weser-Kurier“ am 28. Mai 1947 in die Welt gesetzt, woran sich eine längere und heftige Auseinandersetzung anschloss, auch weil Thomas Mann selbst sich zunächst nicht mehr deutlich an die Details erinnerte. Doch wurde das Original des Briefes gefunden, am 8. August 1947 in der „Neuen Zeitung“ erstmals gedruckt und von Walter Dirks in den „Frankfurter Heften“ im gleichen Jahr ausführlich referiert: „Kein Brief an Frick, sondern an das Reichsministerium des Innern; keine Bitte um die Erlaubnis zur Rückkehr, sondern im Gegenteil die Mitteilung, dass er in absehbarer Zeit nicht zurückkehren werde; im übrigen eine Beschwerde gegen vielerlei Unrecht in Deutschland, vor allem gegen die Münchner Behörden; in der Hauptsache aber das Ersuchen um Herausgabe des Eigentums und um die Verlängerung des Reisepasses, - alles in allem eine Rechtsverwahrung.[...] ein Dokument, das sich 1934 sehen lassen konnte und das sich 1947 sehen lassen kann.“

Von all diesen Auseinandersetzungen hatte Carossa offenkundig in der Rittsteiger Abgeschiedenheit nur oberflächlich Kenntnis genommen, so dass Thomas Mann am 7. Mai 1951 aus Pacific Palisades in Kalifornien die ihn „betreffende Unstimmigkeit“ monierte und die Richtigstellung in einer „künftigen Neuauflage des Werkes“ wünschte. Er „monierte“, er „wünschte“, er wies darauf hin, dass sein Brief „ja seither mehrfach veröffentlicht“ worden sei. Carossa hat die Berichtigung sofort zugesagt und sie in der rasch möglichen zweiten Auflage auch durchgeführt.

Trotz allem: dem späten Leser dieser spröden Korrespondenz fällt es schwer zu glauben, der Briefwechsel sei frei von Animositäten. Schließlich waren diese der gleichen Generation angehörenden Korrespondenzpartner geübt in der Technik einer Briefkunst, bei der zwischen den Zeilen immer mehr zu lesen steht, als auf den Zeilen geschrieben ist. Da teilt der eine Briefpartner (Carossa) 1949 mit, er habe Thomas Manns „Vorträge im Rundfunk [...] regelmäßig gehört“; über deren Inhalt sagt er nichts, doch heißt es, er habe „mit einiger Besorgnis manchmal zu bemerken geglaubt, es könnten [des Sprechers, also Thomas Manns] Atmungsorgane nicht ganz in Ordnung sein“. Nun habe er in dessen „Roman eines Romans“ (1949) die Geschichte von Thomas Manns Lungenkarzinom und von dessen Heilung gelesen, „wodurch alles erklärt“ werde. War tatsächlich alles geklärt? Carossa tritt Thomas Mann mit der Geste des behandelnden Arztes entgegen. Immerhin waren die hier gemeinten Vorträge über BBC London nach Deutschland hinein, die zuerst 1942 und 1945 unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ veröffentlicht wurden, eine Kriegshandlung; sie waren der entschiedene Beitrag Thomas Manns zur psychologischen Kriegsführung der Alliierten gegen Hitler-Deutschland. Auf das Hören solcher Feindsendungen stand im Krieg in Deutschland die Todesstrafe. Waren dies also nichts anderes als „Vorträge im Rundfunk“? Thomas Mann ist nicht entgangen, was Carossa ihm damit sagen wollte. Er hat sich im Brief vom 7. Mai 1951 nicht gerade dafür entschuldigt, dass er im August 1942 in einer dieser Ansprachen über BBC auch Carossa angerempelt hatte, aber doch erklärt, weshalb er falsch unterrichtet war. Carossa war 1941 gegen seinen Willen zum Präsidenten der von Goebbels initiierten „Europäischen Schriftsteller-Vereinigung“ gewählt worden, so dass Thomas Mann 1942 von dem „armen Hans Carossa“ sprach. Er hat ihn mit „allerlei Quisling-Schreibern und literarischen Kooperationsknechten [Hitlers] aus Nord, Süd, Ost und West“ in einen Topf geworfen, jetzt (1951) aber dessen Darstellung im „Lebensbericht“ akzeptiert.

Thomas Mann missversteht – wie mir scheint absichtlich – die freundliche, auf Versöhnung angelegte Stilgeste Carossas, der im „Lebensbericht“ die Auseinandersetzung um die „innere Emigration“ und die in Deutschland während der Nazizeit gedruckten Bücher mit der Empfindlichkeit der „vielgeschmähten Deutschen“ erklärte. Sie seien von den „mutwilligen Florettstichen“ Thomas Manns tief getroffen. Immerhin wurde der „Doktor Faustus“ 1948 in Deutschland als ein deutschland-feindliches Buch gelesen und der zur gleichen Zeit tobende Zeitungskrieg um Existenz und Wirkung einer „inneren Emigration“ ließ an gegenseitiger Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Auf den offenen Brief Walter von Molos am 13. August 1945 in der „Münchner Zeitung“, in dem Thomas Mann zur Rückkehr nach Deutschland aufgefordert wurde, hat dieser im September 1945 im New Yorker „Aufbau“ geantwortet und die „innere Emigration“ ebenso wie die innerdeutsche Widerstandsliteratur in Bausch und Bogen verdammt: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden.“ Alle Bücher dieses Zeitraums, also auch die Hans Carossas!

Vornehm und sachlich hat auf diese Anwürfe Wilhelm Hausenstein am 24. Dezember 1945 in der „Süddeutschen Zeitung“ reagiert und eine lange Liste in Deutschland damals gedruckter Bücher „frei von Blut und Schande“ vorgelegt. Thomas Mann hat sich später selbst von seinem Pauschalurteil distanziert, seine Tochter Erika blieb unversöhnlich. Carossa, der diese Auseinandersetzung kannte und vor allem auch den Ton des Konfliktes kannte, wollte zur Befriedung beitragen, Thomas Mann hat dies zurückgewiesen. Deshalb vermutlich bezieht er die „mutwilligen Florettstiche“ auch auf seine BBC-Reden und macht Carossa ausdrücklich noch einmal darauf aufmerksam, dass er auch ihn – Carossa – in einer der Radio-Ansprachen angegriffen habe, „die nun freilich wie alles, was ich je über Deutschland und zu den Deutschen gesagt, etwas ganz anderes waren als ‚mutwillige Florettstiche’.“ So stellt er einen unmittelbaren Zusammenhang her zwischen den Reden „Deutsche Hörer!“ und der ihnen folgenden Konflikte um die deutsche Schuld und die Existenz einer „inneren Emigration“. Er hat Carossas „Ungleiche Welten“ als einen Beitrag zu dieser Auseinandersetzung gelesen und die ausgestreckte Hand nicht ergriffen. Seine Tagebuchnotizen zur Lektüre von Carossas Bekenntnisbuch verraten ein starkes Unbehagen. „Las in seinen Lebenserinnerungen, rein und etwas schwächlich“, heißt es am 4. Mai 1951 und am 9. Mai spricht er gar von „all diesem bauernschlauen sich Durchhelfen als stiller deutscher Dichter“. Dass er nach dieser Vorgeschichte die Einladung, zu Carossas 75. Geburtstag zu schreiben, als „abzulehnende Beschwernis“ bezeichnet hat, ist nicht verwunderlich. Wieder hat Carossa nicht Gleiches mit Gleichem vergolten, sondern sich zu Thomas Manns 80. Geburtstag 1955 mit einer autobiographischen Skizze an dem von Rudolf Hirsch zusammengestellten Gedenkheft der „Neuen Rundschau“ beteiligt.

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Thomas Mann hatte für die zum Schweigen verurteilten Dichter der inneren Emigration nur Spott und Argwohn übrig; er hat die Tapferkeit und den Mut derer nicht anerkannt, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben, dass sie (literarisch) Trost gespendet haben und hin und wieder sogar für verfolgte Menschen Schonung in dem von Gestapo und SS beherrschten Europa erreichen konnten. Es war der Preis des „Doppellebens“, im Inneren Gegner des Regimes zu sein und doch öffentlich seine Untaten nur zwischen den Zeilen verurteilen zu können. Wer nie unter Diktatur und Terror gelebt hat, kann diese Gewissensqualen kaum nachvollziehen. Carossas Buch „Ungleiche Welten“ ist in beiden Teilen, dem Lebensbericht und der Erzählung „Ein Tag im Spätsommer 1947“, alles andere als „schwächlich“. Auch enthält es gerade keine „Lebenserinnerungen“, es ist vielmehr ein Rechenschaftsbericht; daran knüpft sich (in der Erzählung) der Versuch zur Versöhnung eines tief mit sich selbst zerfallenen, besiegten und schuldig gewordenen Volkes.

Wer das Buch nach 55 Jahren wiederliest und an heutigen Reaktionen auf mehr oder weniger skandalöse Bekenntnisse misst, erkennt sogleich, wie hellsichtig und klardenkend dieser Erzähler die Zukunft seines Volkes (das heißt: unsere Lebenszeit) vorausgesehen hat. Die Perioden der lebendigen Erinnerung, des kommunikativen und des kulturellen Gedächtnisses, umfassen (zu allen Zeiten der Geschichte) bekanntlich zweimal vierzig Jahre. Dann sind (nach 80 Jahren) die Erinnerungen so festgefügt, dass sie auch durch Geschichtsschreibung kaum noch zu verändern sind. Carossa steht – im Verhältnis zur katastrophenreichen Gedächtnisquelle, Herrschaft, Krieg und Völkermord der Nationalsozialisten – am Anfang der Periode des kommunikativen Gedächtnisses. In dieser Periode berichten die Zeitgenossen noch aus lebendiger Erinnerung. Wir stehen 50 Jahre später in der Mitte der zweiten Erinnerungsperiode, in der durch Feiertage, Denkmäler, Ausstellungen, Geschichtserzählungen das kulturelle Gedächtnis befestigt oder geschädigt wird. Einfache Wahrheiten, die noch in der ersten Periode aktuell gewusst waren, sind in der zweiten Phase kollektiven Gedenkens verschüttet.

Sie alle (meine Damen und Herren) haben vermutlich die Auseinandersetzungen um das Bekenntnis von Günter Grass verfolgt, er sei mit 17 Jahren Angehöriger einer Waffen-SS-Einheit gewesen. Hans Carossa wäre es nie eingefallen, eine solche Zugehörigkeit mit jugendlichem Alter zu entschuldigen. Im Gegenteil: in seinem „Lebensbericht“ hat er diese Kämpfer eines letzten Aufgebots gerade in ihrem jugendlich-unbedingten Kampfgeist recht genau charakterisiert: „Unsere Bevölkerung empfand die schwarz unformierten Jünglinge wie eine fremde Besatzungsmacht. Wenn sie sich beim Herannahen gegnerischer Kräfte bei einem Bauern einquartierten, so wusste er, dass Haus und Hof verloren waren. Sie befolgten den Auftrag, ein solches Anwesen als Festung zu verteidigen, bis kein Mäuerlein mehr stand und sie selbst tot waren.“ Hans Carossa wäre es auch nicht eingefallen, vor Überlebenden des Lagers Buchenwald ausschließlich über die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten zu sprechen. Er wusste sehr wohl, dass die im 19. Jahrhundert zu einer klassisch-mediterranen Region umgestaltete Landschaft bei Weimar von Himmler und seiner SS bewusst geschändet worden war. Als die Bauern dieser Region im 19. Jahrhundert den Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar baten, er möge doch erlauben, dass die künstlich mediterranisierte Landschaft wieder aufgeforstet werde, soll er entrüstet geantwortet haben: „Da können Sie auch der Venus von Milo Kleider anziehen.“ In dieser Landschaft, auf dem durch Herzog Carl August, die Herzogin Anna Amalia, Goethe und Charlotte von Stein in das Gedächtnis der kulturellen Welt eingegangenen Ettersberg, hat Himmler das zunächst KL Ettersberg genannte Lager Buchenwald errichten lassen. Wie sagte Carossa? Die „neue Führung der Deutschen [habe] in Blicknähe der Stadt Weimar, auf einem Boden, wo der Dichter der ‚Iphigenie’ und der ‚Pandora’ über seinen Werken gesonnen, eine der grausamsten Folter- und Mordanstalten [errichtet], die je der Erdengrund getragen“.

So hat er in einer Zeit, in der die Menschen nur noch vergessen wollten, entschieden für das frische, scharfe und bekenntnisstarke Gedächtnis plädiert. Er steht damit am Beginn einer konfliktreichen Gedächtnispolitik, die aber Deutschland wieder das Vertrauen der Völker gewonnen hat und ihm Auseinandersetzungen erspart hat, wie sie die lateinamerikanischen Staaten und Spanien derzeit erschüttern, wie sie in den Transformationsländern Ost- und Ostmitteleuropas noch kaum begonnen haben, wie sie die Türkei spalten und im Verhältnis zwischen Polen und der Europäischen Union derzeit eine ganz neue Brisanz gewinnen. „Wir wünschen“, sagte Carossa, „keine Generalabsolution, wie man sie Sterbenden erteilt. Eine Weltstunde ruft, und wer das Künftige bedenkt, muss jenen für den wahren Volksfeind halten, der da spricht: [...] wo gehobelt wird, fallen Späne – jede Nation hat ihre Flegeljahre – warum redet man immer nur von der deutschen Grausamkeit, nie von der türkischen, polnischen, tschechischen, russischen, chinesischen?“ Hans Carossa hat früh erkannt, dass sich keine Schuld dadurch verringert, „dass auch die anderen schuldig werden“ und damit noch einmal einen Fingerzeig für die aktuelle Gedächtnispolitik gegeben. Dass Deutschland mit der Shoah, dem zum Glück nicht vollendeten Holocaust, eine ganz neue Verbindung mit dem Judentum eingegangen ist, welche die Deutschen für die Existenz und das Lebensrecht auch Israels in Verantwortung nimmt, hat Carossa früh auszusprechen gewagt: „Es könnte sein, dass irgendwann einmal in einem anderen Volk der Judenhass emporflammt; dann werden es die Deutschen sein müssen, die den Verfolgten Schutz gewähren.“ Das ist eine geradezu seherische Vorwegnahme moderner Zustände. Heute patrouillieren deutsche Kriegsschiffe vor der libanesischen Küste, auch und gerade, um die Sicherheit Israels zu garantieren.

Hass und Verfolgung, Spott und Verachtung konnten Carossa nicht davon abbringen, an die Existenz eines anderen Deutschland zu glauben, als das von den Nationalsozialisten auf Bergen von Toten errichtete; er hat sich selbst diesem anderen Deutschland zugehörig gefühlt und sich so gegen den Vorwurf verteidigt, nicht ausgewandert zu sein. „Das von außen her angreifbare Deutschland“, ist im „Lebensbericht“ zu lesen, „ging unter; es gab jedoch ein anderes, geheimes, ein im Tiefsten unverletzliches, unbesiegbares: diesem zuliebe blieb man, wo man war.“ Unter dem Mandat eines geheimen, heiligen Deutschland (einer Formel aus dem George-Kreis) haben die Brüder Stauffenberg versucht, den Tyrannen zu beseitigen. Die innere Emigration reichte im Glauben an ein solch geheimes Deutschland, mit dessen Namen auf den Lippen Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Attentäter des 20. Juli 1944, vor die Gewehre des Erschießungskommandos trat, dem deutschen Widerstand gegen Hitler und seine Schergen die Hand.

Das Buch über „Ungleiche Welten“ hat bewusst zwei Teile, den Lebensbericht und die Erzählung. Der Bericht, das Bekenntnis, die Einsicht in das Geschehene – so ist diese Doppelung zu deuten – geht der Versöhnung voraus. Der Arzt Carossa will auch jetzt (1951) helfen, heilen, versöhnen. Das ist eine undankbare Aufgabe und die Deutschen haben es ihm nie recht gedankt, ihn im Gegenteil der (nie vollzogenen) Kollaboration bezichtigt. Wer aber nur den jeweils einen Text des Buches liest, verfehlt seine Botschaft und könnte geneigt sein, den Lebensbericht für bloße Memoiren und die Erzählung „Ein Tag im Spätsommer 1947“ für eine Idylle zu halten. Diese Ernst Bertram gewidmete (autobiographische) Erzählung von einem Ehepaar, das wie Philemon und Baucis zusammenlebt, soll mit der Widmung nicht nur den Freund Bertram mit all der Kritik versöhnen, die über ihn im „Lebensbericht“ geschrieben steht, sie bildet vielmehr ein Modell der Versöhnung. An diesem späten Sommertag des Hungerjahres 1947 ist die Natur mit den Menschen im Einklang, finden die Flüchtlingswaisen neue Mütter, findet die aus ihrer Heimat vertriebene Frau eine neue Aufgabe, sind die Einheimischen mit den Flüchtlingen eines Sinnes, meldet sich der im Krieg verschollene Sohn des alten Ehepaares, wird sogar der fremde Dieb, dessen saturnischer Name auf Abgrenzung und Erstarrung deutet, in den Bannkreis des von Philemon und Baucis (das heißt von Kassian und Martina) ausgehenden Heilungsprozesses mit einbezogen. Auch wenn das Leben dieser Menschen, wie unter anderem die Anzeichen der nahenden Krankheit bei Martina belegen, bedroht ist von „irdischer Finsternis“, am Abend dieses Tages ist alles in der einen großen Schöpfungsordnung geborgen: „Von der Stadt herauf schlug die große Domglocke zweimal, sie mahnte zum Schlafengehen. Eine getroste, gelassene Stimmung war in den beiden. Das Unabwendbare, das von Anfang an, dem Bussard gleich, über jedem Leben kreist, zuerst langsam und unendlich fern, um immer engere schnellere Schrauben zu ziehen und endlich niederzustoßen, es ängstigte sie nicht mehr.“

Hinweise:

Zitiert werden u.a. folgende Texte und Studien: Hans Carossa, Verwandlungen einer Jugend. Leipzig 1928 – ders., Ungleiche Welten. Wiesbaden 1951 – ders., Briefe III 1937 – 1956. Hg. von Eva Kampmann-Carossa. Frankfurt am Main 1981 – ders., Gedichte. Die Veröffentlichungen zu Lebzeiten und Gedichte aus dem Nachlass. Hg. und kommentiert von Eva Kampmann-Carossa. Frankfurt am Main 1995. – Thomas Manns Texte sind unschwer in jeder Ausgabe seiner Werke zu finden. Die Auseinandersetzung um die „innere Emigration“ und Thomas Manns Besuche nach 1945 in Deutschland ist enthalten in der noch immer unveralteten Dokumentation von Klaus Schröter (Hg.), Thomas Mann im Urteil seiner Zeit. Dokumente 1891 bis 1955. Hamburg 1969. Die Tagebuch-Äußerungen über Carossa sind den Bänden 1918 – 1921 (hg. von Peter de Mendelssohn), Frankfurt am Main 1979, und 1951 – 1952 sowie 1953 – 1955 (hg. von Inge Jens), Frankfurt am Main 1993 und 1995 entnommen. – Zur Korrespondenz zwischen Thomas Mann und Hans Carossa verweise ich auf den oben genannten Briefband Carossas und Band III der Briefe Thomas Manns, 1948 – 1955 (hg. von Erika Mann), Frankfurt am Main 1965. – Weiter ist zu verweisen auf: Albrecht Schaeffer (Hg.), Buch des Dankes für Hans Carossa. Dem 15. Dezember 1928. Leipzig 1928 – Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1964 – Ulf Zahn, Die Landschaft der Walhalla im Wandel. In: Jörg Träger (Hg.): Die Walhalla. Idee – Architektur – Landschaft. Regensburg 1979, S.91 – 100 – Zu den Gedächtnisperioden vgl.: Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992.

© Professor Dr. Wolfgang Frühwald, Römerstädter Straße 4k D-86199 Augsburg

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